Wenn die Lust am Partner versiegt
Aus der Reihe »Sexualstörungen in der Praxis« – Fachartikel, erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Der Hausarzt, mit freundlicher Genehmigung von www.medkomm.de.
Wenn der Mann neue Praktiken verlangt …
Eine Hausärztin aus Mönchengladbach fragt für ihre Patientin: Der seit Jahren zufriedene Ehemann verlangt plötzlich Sex-Shop-Spielzeug und sogar einen Swingerclub-Besuch. Die Frau empfindet Distanz bis Ekel – und startet einen grübelnden Selbstangriff nach dem anderen: Habe ich zu wenig Sex gemacht? Bin ich zu dick geworden? Ist sie nicht mehr attraktiv genug?
Meine Antwort: Diese Situation ist frauentypisch angegangen – die Schuld bei sich selbst gesucht. Aus meiner Erfahrung als Sexualtherapeut kann ich der Patientin versichern: Es liegt nicht an ein paar Pfunden mehr, wenn der Mann so unzufrieden ist.
Meist steht eine über Jahre entstandene emotionale Distanz dahinter – zwischen den Partnern und oft auch zu den eigenen Gefühlen. Diese Distanz schafft einen Hunger, einen Mangelzustand, den viele Männer durch (mehr) Sex auszugleichen versuchen. In der Therapie lässt sich schnell erarbeiten, ob ein bestimmtes Ereignis oder die Ansammlung kleiner Verletzungen die Distanz erzeugt hat.
… und wenn der Partner nur noch abstoßend wirkt
Eine Patientin schreibt: Ihr Mann – früher sportlich und gepflegt – lässt sich immer mehr gehen: Jogginghose, vernachlässigte Körperpflege, kein gemeinsames Unternehmen mehr, eingeschlafene Sexualität. Sie empfindet Widerwillen und zugleich schlechtes Gewissen. Oft sind es kleine Kommunikationsfehler, die bewirken, dass der eine den anderen nicht mehr erreicht: Was die Frau als eindeutige Kritik meint, hört der Mann als »schon wieder Vorwürfe«.
Gehen Sie auf ihn zu und machen Sie den Ernst der Lage klar – ohne Angriff, aber schonungslos ehrlich, in Ich-Botschaften. Sagen Sie, dass Sie sich vor seiner Ungepflegtheit abwenden und so nicht weiterleben können. Das kann aufrütteln.
Ebenso wichtig: gemeinsam herauszufinden, was einen kultivierten, sportlichen Menschen zu dieser Lethargie gebracht hat – Langeweile? Resignation nach einem beruflichen Rückschlag? Eine unbehandelte Depression? Ein klärendes Gespräch, notfalls mit professioneller Begleitung, ist hier der richtige erste Schritt.
Volker van den Boom, Aachen
Zuletzt aktualisiert: 07.10.2026 · Inhalt: Volker van den Boom
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