Seitensprung und Fremdgehen des Mannes

Aus der Reihe »Sexualstörungen in der Praxis« – Fachartikel, erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Der Hausarzt, mit freundlicher Genehmigung von www.medkomm.de.

Sexual- und Paarberatung wird auch für Hausärzte immer wichtiger. Diesmal geht es um Fremdgehen und Seitensprung – speziell vonseiten des Mannes. Ausgangspunkt ist die Frage einer Hausärztin aus Krefeld zu einer Familie in der Krise, nachdem die Ehefrau das kurze Verhältnis ihres Mannes entdeckt hat.

Vorab: Männer sind keine reinen Triebwesen. Dass sie »hinter jedem Rock herschauen«, deutet vielmehr darauf hin, dass Sexualität für Männer neben dem körperlichen Genuss noch andere Funktionen hat. Vier Themenfelder ragen heraus:

Stress

Am häufigsten begegne ich Männern, die nur gelegentlich »neben der Ehe« Zeit mit einer anderen Frau verbringen. Es sind Männer unter ständiger Anspannung, die allen Anforderungen perfekt gerecht werden wollen und nie zur Ruhe kommen.

Eine hohe innere Grundspannung ohne Ausgleich muss früher oder später zum Kurzschluss führen: Der Seitensprung ist der Sprung aus dem gewohnten Leben ins Außergewöhnliche, wo Intensität ohne Alltagslast spürbar wird.

Unzufriedenheit

Langsamer und lang anhaltend verläuft die Parallelbeziehung des Mannes, der sein Leben – vor allem die Ehe – als eintönig und distanziert erlebt, sich von der Ehefrau dominiert fühlt, sich aber nicht auflehnt. Über Jahre wächst der Groll und das Bedürfnis nach Revanche: Noch einmal derjenige zu sein, der Bedeutung hat und respektiert wird.

Die »Parallelfrau« ist meist kleiner, weiblicher, liebevoller – im Vordergrund steht selten der Sex, sondern das Erleben von Liebe, Verbundenheit und »Schönem gemeinsam erleben«.

Bestätigung als Mann

Beide Formen nutzen Männer, deren Bedürfnis nach Anerkennung als Mann ungestillt ist. Das Bewusstsein, »ein ganzer Kerl« zu sein, ist Grundlage männlicher Identität. Erfährt ein Mann zu Hause keine Anerkennung – etwa weil die Ehefrau ständig die Dominante ist –, holt er sie sich bei der Arbeit, im Verein oder bei einer anderen Frau.

Angst vor (Beziehungs-)Nähe

Manche Kindheits- und Jugenderfahrungen bauen bleibende Barrieren auf: Wer gelernt hat »Nähe führt zu Verletzung«, geht Nähe aus dem Weg. Zwischen ihm und der Partnerin bleibt Distanz; der Mann wird emotional nie richtig satt und verlangt immer nach »Mehr«. Schnell wechselnde Frauenbeziehungen täuschen über die wahre Leere hinweg – auch zur Geliebten bleibt er auf Distanz.

Folgerungen für den konkreten Fall

Ich vermute eine Mischform: Stress, Bestätigungsbedürfnis und die enorme Belastung durch das behinderte Kind für Eltern- und Partnerrolle. Dass die Ehefrau schon vor dem Fremdgehen unter Spannungszuständen litt, spricht dafür, dass es in der Beziehung schon früher kriselte. Im weiteren Umgang ist wichtig, dem Paar die möglichen Hintergründe aufzuzeigen und mit dem Mann im Einzelgespräch zu klären: Stehen Sie unter innerer Anspannung – und warum? Warum sind Sie auf Distanz zur Ihrer Frau? Bekommen Sie genug Anerkennung in Ihrer Ehe?

Mittelfristig geht es darum, die innere Spannung beider zu senken (Betreuungshilfe, Freiräume) und den Wiedereinstieg in eine offene, verbale Nähe.

Zuletzt aktualisiert: 07.10.2026 · Inhalt: Volker van den Boom

Volker van den Boom, Aachen. Vertiefung: Interview Seitensprung und Fremdgehen und das Praxisgespräch als PDF.

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