Schwangerschaftsdepression – Beschwerden als Hilferuf
Aus der Reihe »Sexualstörungen in der Praxis« – Fachartikel, erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Der Hausarzt, mit freundlicher Genehmigung von www.medkomm.de.
Zwei sehr unterschiedliche, knifflige Fallbeispiele: Im ersten führt ein psychischer Grundkonflikt im Rahmen einer Schwangerschaft zu Depressionen – und löst sich im Gespräch quasi durch einen psychologischen Kunstgriff statt durch Medikamente. Im zweiten steckt hinter den psychosomatischen Beschwerden einer Patientin ein schwerwiegendes, behandlungsbedürftiges Problem des Ehemannes.
Fall 1: Wenn Ängste in der Schwangerschaft ein Ventil suchen
Eine Gynäkologin fragt, warum bei manchen Schwangerschaftsdepressionen Hormone nicht anschlagen und ob »Hysterie« dahintersteckt. Meine Erfahrung: Die Gründe sind individuell sehr verschieden. In meinem Fall entwickelte eine Klientin Anfang 30 während der Schwangerschaft unbeherrschbare Ängste um ihr Kind. Im psychologischen Gespräch wurde schnell der wahre Kern sichtbar: Sie litt unter den körperlichen Veränderungen, empfand den wachsenden Bauch als »Verunstaltung« – durfte darüber aber niemandem böse sein. Die Angst um das Kind war der sozial akzeptierte Ausdruck eines verbotenen Ärgers.
Erlaubt man der Frau, diesen Ärger bewusst wahrzunehmen und einzuordnen, verliert die Angstsymptomatik ihre Funktion – ein Weg, der ohne Medikation auskommen kann, wenn hormonelle Ursachen ausgeschlossen sind.
Fall 2: Signale ernst nehmen
Eine Hausärztin beschreibt eine 28-jährige Patientin mit ständig wechselnden psychosomatischen Beschwerden, denen organisch nichts entspricht. Vertraut geworden erzählt die Frau: Ihr Mann ist Exhibitionist und wurde deshalb bereits polizeilich festgenommen; sie lebt in ständiger Angst vor einer Wiederholung. Die Beschwerden sind als Hilferuf zu lesen.
Exhibitionismus hat seinen Hintergrund meist in einem frühen Aufmerksamkeitsdefizit, nicht in Sexualität als Trieb: Die Männer erzwingen durch ihre Tat die Beachtung, die ihnen als Kinder vorenthalten wurde.
Ich würde das Ehepaar gemeinsam zu einem Gespräch einbestellen: zu klären sind die Schäden für die Beziehung, eine Parallel-Therapie des Mannes und ein »Notfallkoffer« für die typischen gefährlichen Situationen (Langeweile nach Feierabend) mit konkreten Handlungsalternativen. Die Frau wird aktiv einbezogen, Kommunikationstraining ergänzt beides.
Volker van den Boom, Aachen
Zuletzt aktualisiert: 08.10.2026 · Inhalt: Volker van den Boom
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